Transparenzpflicht für Unternehmen, Ja oder Nein?

Arbeitskreis CSR Kommunikation der DPRG e.V. diskutiert mit Experten



Sollte Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtend werden? Führt Standardisierung zu einer glaubwürdigeren Offenlegung? Wie viel Transparenz lässt sich ökonomisch sinnvoll verordnen? Dies waren nur einige der Themen, die der Arbeitskreis CSR-Kommunikation der DPRG e.V. in der IHK Bonn zusammen mit Kommunikationsfachleuten, Unternehmern und drei ausgewiesenen Experten diskutierte: Zu Gast waren Dr. Franziska Humbert, Oxfam Deutschland; Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rat für Nachhaltige Entwicklung und Dr. Franz-Josef Leven, Direktor des Deutschen Aktieninstituts.

Der Titel Transparenzpflicht für Unternehmen, Ja oder Nein? konnte aktueller nicht sein: Erst kürzlich hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) verabschiedet und damit einen neuen Transparenzstandard geschaffen. Die EU denkt über eine verpflichtende Nachhaltigkeitspublizität und eine Klassifizierung von Greenwashing in 2012 nach. Bekannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) starten eine Kampagne für gesetzlich verpflichtende Transparenz. Grund genug für den AK CSR Kommunikation, der sich u.a. für die Professionalisierung von Nachhaltigkeitskommunikation einsetzt, zu fragen, wie reif die Zeit für mehr verbindliche Transparenz in der Nachhaltigkeitskommunikation ist.

Die vehementeste Befürworterin einer Transparenzpflicht war Dr. Humbert von Oxfam. Sie sprach als Vertreterin der Transparenzinitiative, für die sich zwei zivilgesellschaftliche Bündnisse - die Supermarktinitiative, getragen von 25 Organisationen, und CorA (Netzwerk für Unternehmensverantwortung) mit 50 Mitgliedsorganisationen - zusammen geschlossen haben. CSR-Berichte dienten eher der Imagepflege, als einer ehrlichen und offenen Rechenschaftslegung, kritisierte die Referentin für CSR bei der Organisation, die gegen Armut in der Welt kämpft. Sie forderte, dass die Bundesregierung Unternehmen, unabhängig von ihrer Rechtsform, verpflichten sollte, Informationen über Arbeitnehmer- und Menschenrechte, Korruption, Lobbyaktivitäten sowie Umwelt- und Klimaschutz bei sich und ihren Lieferanten zu veröffentlichen. Ebenso sollten Unternehmen ihre Unternehmensstruktur, Lieferantenbeziehungen und Produktionsstandorte offenlegen und die Herkunft ihrer Produkte kennzeichnen. Es sollen Angaben zu Umsätzen, Gewinnen, gezahlten Steuern und z. B. die Mengen geförderter Rohstoffe für jedes Land offengelegt werden. Ein solcher Rechenschaftsbericht müsse regelmäßig von unabhängigen Stellen überprüft und Verstöße gegen die Offenlegungspflicht bzw. Falschinformationen mit Sanktionen belegt werden, so Humbert. Transparenz habe einen nachweislich ökonomischen Nutzen. „Die Wettbewerbsfähigkeit, Kundenbindung und Mitarbeitermotivation steigt“, zitierte sie aktuelle Studien. Deutschland sei in der Transparenzpflicht Nachzügler und forderte, es Länder wie Frankreich, Schweden oder Dänemark, die bereits eine gesetzliche Offenlegungspflicht eingeführt haben, nachzutun.

Dass die Einführung einer Berichtspflicht zu einer verantwortlicheren Wirtschaftsweise führt, wollte Dr. Leven, Direktor des Deutschen Aktieninstituts, nicht glauben. Sein Fazit: Eine Pflicht schaffe hauptsächlich Bürokratie, Pflichterfüllung ohne Überzeugung, kostet nur Geld und verhindere nicht Regelverstöße oder unethisches Verhalten. Die Lösung läge in einer kreativen Kommunikation vonseiten der Presse und kritischen Öffentlichkeit, die Missbrauch und Skandale effektiv ans Licht brächten.
In seinen „10 Thesen“ monierte er, dass es bereits zahlreiche freiwillige Standards für CSR-Berichterstattung wie GRI, EFFAS gäbe. Sie alle hätten sich noch nicht durchgesetzt, weil sich die verschiedenen Interessengruppen nicht einig seien, welche Informationen relevant wären. Berichtspflichten abzuarbeiten, interessiere die demokratische Mehrheit nicht, komplettierte er seine Gegenrede und fand kritische Worte für den kürzlich an die Bundesregierung übergebenen Nachhaltigkeitskodex (DNK).

Diese Vorbehalte ließ der dritte Referent des Abends, Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung nicht stehen. Er verwies darauf, dass der DNK keineswegs zusätzlich geschaffen wurde oder gar mehr Komplexität bringen würde. Vielmehr schließe er Lücken zu bestehenden Standards und ergänze bestehende Leitlinien. "Wir setzen auf ein Modell der Freiwilligkeit, das bei Nichtbeachtung nicht vom Gesetzgeber sondern vom Markt sanktioniert wird", argumentierte Bachmann und versicherte, dass der Kodex den Praxistest, an dem sich kleine und große Unternehmen beteiligt hatten, bestanden hat. Der bürokratische Aufwand würde sich in tragbaren Grenzen bewegen, so Bachmann. "Wir wurden im Diskussionsprozess um den Kodex sogar aktiv von KMU angehalten, keinen "Kodex light" zu produzieren, sondern einen einheitlichen und verbindlichen Standard zu schaffen."

Der DNK umfasst 20 Kriterien mit jeweils ein bis zwei Leistungsindikatoren (Key Performance Indicators, KPI) zu den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance, ESG). Unternehmen berichten anhand dessen über die Erfüllung bzw. Erklärung der Nichterfüllung der Kodexanforderungen (comply or explain). Der DNK knüpft inhaltlich an die Prinzipien des UN Global Compact, die OECD Guidelines für multinationale Unternehmen, den Leitfaden ISO 26000 sowie instrumentell an die Berichterstattungsstandards der Global Reporting Initiative (GRI) und des europäischen Analystenverbandes EFFAS an.

Bachmann betonte im Gegenentwurf zu dem Thesenansatz von Dr. Leven, das CSR ein Innovationstreiber für die Unternehmen und damit für die gesamte deutsche Wirtschaft sei. Der DNK trage dazu bei, das Thema Nachhaltigkeit und Verantwortung in die Unternehmen hereinzutragen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde das Thema Pflicht und Nutzen von CSR-Kommunikation und CSR/Nachhaltigkeit weiter kontrovers diskutiert. So schieden sich die Geister unter anderem auch an der Frage, ob ein Mehr an Informationen letztlich überhaupt im Interesse der Verbraucher sei bzw. von diesen nachgefragt würden. Ein weiterer Diskussionspunkt war die These, ob wir nicht längst in einer solch transparenten Informationsgesellschaft leben, die den Ruf nach weiteren Pflichten und Formalien obsolet mache. So würden die aufgedeckten Skandale bei Nestlé oder Schlecker etc. dafür sorgen, dass Unternehmen aus Angst vor Reputationsverlust verantwortlich und transparent agieren würden.

Die These vermochte, wie weitere Punkte, keine Einigkeit im Podium und Plenum zu bringen. Die Veranstaltung machte deutlich, dass die Diskussion um die Transparenz erst begonnen hat. Übereinstimmungen gab es jedoch bei der grundsätzlichen Notwendigkeit von dem Konzept der gesellschaftlichen Verantwortung und der Sinnhaftigkeit einer offenen Kommunikation bzw. die Chancen, die die Nachhaltigkeit für die Wirtschaft bringt. Eine Teilnehmerin drückte es treffend aus: „CSR ist eine Taschenlampe, die durch das Unternehmen leuchtet und erkennbar macht, wo etwas im Argen liegt.“

 

 

 


 

 

 

Der Arbeitskreis CSR Kommunikation der DPRG e.V. greift aktuelle Themen zu Nachhaltigkeitskommunikation kontrovers auf: Riccardo Wagner, (1.links) und Martina Hoffhaus (1.rechts), die den Arbeitskreis CSR Kommunikation leiten, diskutierten mit Dr. Franziska Humbert, Referentin für CSR bei Oxfam Deutschland (2. von links), Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rat für Nachhaltige Entwicklung (3.von links) und Dr. Franz-Josef Leven( 2. von rechts), Direktor des Deutsche Aktieninstitut e.V..


 

 

 

Der Arbeitskreis CSR-Kommunikation der DPRG e.V.:

Will einen Beitrag zur Professionalisierung von CSR-Kommunikation leisten. Durch z.B. öffentliche Diskussionen schafft dieser Spezialistenkreis aus CSR Kommunikationsexperten Bewusstsein für die Herausforderungen, der sich Kommunikatoren für CSR-/Nachhaltigkeitsthemen innerhalb der Unternehmenskommunikation stellen müssen. Der Arbeitskreis sucht den aktiven Dialog mit Experten aus Unternehmen, Netzwerken, Wissenschaft, Verbänden, Politik und Nichtregierungsorganisationen, denen Nachhaltigkeitskommunikation ein Anliegen ist. Darüber versteht er sich als Kompetenzplattform und Sprachrohr innerhalb der DPRG für CSR-Themen, der sich für die Entwicklung von Standards und Leitlinien für die Kommunikationspraxis, Beratung und Ausbildung einsetzt. Vorsitz / Kontakt: Martina Hoffhaus, messagepool Nachhaltigkeitskommunikation, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. oder Riccardo Wagner, betterrelations, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . Mehr: http://www.dprg.de/Profile/CSR-Kommunikation/26